Tauchen in der Conceiption Bay - Mai 2001
Tauchen in Neufundland. Bis vor einem halben Jahr wußte ich gar nicht, ob so etwas überhaupt möglich war. Doch nun der Reihe nach.
 
Taucher am Mast der Rose Castle

Die Geschichte begann auf der Boot im Januar 2001. Ich bin durch die Hallen geschlendert immer auf der Suche nach ungewöhnlichen und interessanten Tauchzielen. An dem Stand von Marlin-Tauchservice traf ich in einer Nische einen Kanadier. Es war Rick Stanley aus St. John’s Neufundland. Er hatte außer ein paar Prospekten und seinen Notebook nicht allzuviel dabei. Doch was er auf seinem Laptop mitgebracht hatte, daß reichte mir aus. Er zeigte mit einige tolle Bilder von Wracks. Die Sichtweite war enorm und die Wracks waren noch in einem sehr gut erhaltenen Zustand.
Glasklare Sicht in der Bucht
Er erklärte mir die Lage und kurz die Geschichte der Wracks. Diese liegen in der sogenannten Conception Bay vor der Insel Bell Island und wurden 1942 von zwei deutschen U-Booten versenkt. Die Tauchbedingungen sind im Sommer sehr gut, die Sicht beträgt bis zu 50 Meter. Einziger Nachteil, daß das Wasser am Ende des Winters kalt und im Sommer auch nicht sehr besonders warm sei.

Kälte sollte mir eigentlich nichts ausmachen, das dachte ich mir. Ich hatte in einheimischen Seen zahlreiche lange und tiefe Tauchgänge bei den üblichen 4° C unternommen. Dies sollte eigentlich nicht das Problem sein.

Beeindruckt verließ ich mit einer Visitenkarte versehen den Messestand. Fortan beschäftigte mich der Gedanke einmal nach Neufundland zum Tauchen zu fahren. Schließlich war ich ein erfahrener Taucher, der immer wieder neue Lokalitäten erkunden will.
Rick Stanley
Anfang März 2001 habe ich mich dann über die deutsche Vertretung über die Möglichkeiten und Preise informiert. Ich hatte mich entschlossen vom 19.-27. Mai 2001 nach Neufundland zu fliegen und in dieser Woche zu tauchen. Rick signalisierte aus St. John’s, daß ich in diesem Zeitraum wahrscheinlich der einzige Taucher wäre. Er würde natürlich mit mir allein rausfahren und mir die Wracks zeigen, wenn das Wetter es  zulassen würde. Ich sollte mich nur auf eine Wassertemperatur von –1 bis 0° C einstellen. So kurz nachdem die Bucht eisfrei wird, hat das Wasser noch solche niedrigen Temperaturen.
Tauchbuddy im Nassanzug - mutig!
Übers Internet besorgte ich mir einen günstigen Flug von Frankfurt-Montreal-Halifax-St. John’s. Desweiteren besorgte ich mir im Vorfeld Trockentauchhandschuhe. Ich habe bis dahin immer mit Naßhandschuhen getaucht. Jedoch bei einer solchen Wassertemperatur werden einem die Finger in den Naßhandschuhen ziemlich schnell klamm. Zudem wenn man noch mit einigen Minuten Dekompresssionszeit rechnen mußte. Die einzige Sorge war die Vereisungsproblematik der Atemregler. Bei diesen Temperaturen und einer Tiefe von bis zu 50 Meter war dies ein ernstes Problem. Ich entschloß mich mit einem Doppelpaket und 2 Atemreglern versehen zu tauchen. Das Doppelpacket wollte ich aus 2 11,5 Liter Aluflaschen zusammenmontieren und daran meine bewährten MARES Atemregler anbringen. Ein bisschen mulmiges Gefühl blieb dennoch. Würden die Regler arbeiten wie gewohnt, oder würden Sie das erste mal abblasen ?

Nach einigen Testtauchgängen mit den Trockenhandschuhen stand ich nun am 17. Mai 2001 mit 2 vollen Tauchtaschen am Air Canada Eincheckschalter in Frankfurt. Zum Glück hat man bei Flügen nach Nordamerika i.d.R. kein Gepäckproblem. Das einzige Problem ist das Gepäck vom Trolly auf die Waage zu wuchten. 2 Trockenanzüge mit Unterziehern, 3 Automaten, 2 Computer, Unterwasserfotoausrüstung mit Blitz und Ladegerät, Ersatzteile, DIN-INT Adapter, Wäsche, Ersatzunterzieher, warme Schuhe, dicke Winterjacke, Mützen usw. summierten sich zusammen auf fast 60 kg und brachten mich nahe an die Gepäckgrenze.
Ricks Frau Debbie - richtig ausgerüstet für die Temperaturen
Der Flug mit Air Canada war ok. Leider hatte ich in Montreal einige Stunden Aufenthalt. Schließlich startete das Flugzeug dann doch in Richtung Neufundland. Wieder war ein Zwischenaufenthalt einzulegen, diesmal in Halifax. Gegen 22 Uhr abends schließlich erreichte ich den kleinen Flughafen von St. John’s. Das Wetter hatte sich dahingehend verschlechtert, so daß dicker Nebel herrschte. Rick und Debbi holten mich vom Flughafen ab. Hier erfuhr ich, daß ich großes Glück hatte überhaupt nach Neufundland zu kommen, da zahlreiche Abflüge ausgefallen sind wegen dem seit Tagen herrschenden starken Nebel.

Rick brachte mich nach Manuals zu einer Familie, die Bed-und-Breakfirst anbietet. Diese erwartete mich schon sehnlichst und überschüttete mich mit Fragen und wollte mir nur Gutes tun. Hier war mein Domizil für die nächste Woche in einem großen Zimmer mit einem riesigen weichen Bett.

Am nächsten Morgen trafen wir uns im Hafen von Foxtrap, wo Rick sein Boot stationiert hat, zum ersten Tauchtag. Leider versprach das Wetter nichts gutes. Tief liegende Wolken, ein beißender Wind und einige Wellen in der geschützten Bucht machten mir doch ein bisschen mulmiges Gefühl. Aber wir hatten ja Abenteuer gebucht und so brachen wir gegen Mittag mit einige weiteren Tauchern auf.
Doppelpacket - Redundanz bei dieses Tauchbedingungen
Die Anfahrt zu den Bell-Island-Wracks dauert nur ca 45 Minuten. Währenddessen montierten wir unsere Ausrüstung. Neben mir waren noch einige Taucher verteten, die mit Naßanzügen tauchen gehen wollten. Mir war gesagt worden, daß zur Zeit die Wassertemperatur 0° C beträgt. Ich hatte 2 Trockentauchanzüge dabei und diese Jungs wollten naß tauchen gehen! Na ja, wir würden sehen wie das Ganze ausgeht.
Anker auf der Saganaga

Ziel für den ersten Tag war das Wrack der PLM 27, das sehr flach liegt und sich ganz gut als Objekt für den Einstiegstauchgang eignet. Gespannt sprang ich in das klare, jedoch kalte Wasser und ließ mich an der Bojenleine nach unten gleiten. Diese war an der Bordwand vor dem Heckaufbau angebracht. Die Sicht war sehr gut. Rick und Debby meinten jedoch, daß diese noch besser sein kann. Vor mir lang das Wrack des freien französischen Schiffs PLM 27. Das Oberdeck ist infolge der Einwirkung von Eis schon stark eingedrückt.  Jedoch kann man noch viele tolle Details in den Aufbauten sehen. 

Beeindruckt kehrte ich nach 60 Minuten zum Boot zurück, nachdem ich das Schiff 2 Mal total umrundet hatte. Die PLM 27 ist das einzige Schiff, welches noch über eine Schraube verfügt. Die Schrauben der anderen Schiffe wurden alle geborgen.
Radioraum der Rose Castle
Das Schiff, das kalte Wasser, aber auch die Sicht hatten mit total beeindruckt. Nach einer kurzen Oberflächenpause ging es am nachmittag zu einem Landdtauchgang. Diese war jedoch nicht so interessant, weil an dieser Stelle infolge von Dünung die Sicht jedoch stark eingeschränkt war. Somit endete der erste Tauchtag doch ganz erfolgreich und machte mich neugierig auf die noch ausstehenden Wracks.
Geschütz auf der Saganaga
Am nächsten Tag war das schönste, aber auch tiefste Wrack angesagt, die Rose Castle. Diese liegt mit dem Vorschiff auf über 50 Meter und ist aufgrund ihrere tiefen Lage noch sehr gut erhalten. Dieses Mal montierte ich mir ein Doppelpacket aus 2*12 Liter Aluflaschen zusammen, welches ich mit 2 unabhängigen Reglern bestückte. Damit sollte die notwendige Sicherheit bei der Tiefe und dem zu erwartenden Dekotauchgang erreicht werden.
Bordwand PLM 27
So bestückt tauchte ich an der Leine nach unten, gespannt, was mich da erwarten würde. Die Beschreibungen haben nicht gelogen. Das Wrack ist in toller Verfassung und man kann neben zahlreichen Aufbauten auch viele innere Räume betauchen. Sehr gut erhalten ist der Radioraum auf dem Mitteldeck der Rose Castle. Auf dem Heckaufbau ist noch eine riesige Kanone zu begutachten. Desweitern sind auf allen Schiffen noch Munition für diese Geschütze zu besichtigen. Einzig die Laderäume sind total uninteressant, da sie Eisenerz enthalten hatten, was unter Wasser nicht sonderlich interessant ist.

Mit einem Abstecher auf den Grund zur Schraube auf 45 Meter war schnell eine Dekozeit von ca.30 Minuten erreicht. Keiner meiner Automaten ist vereist, ich habe konsequent nach einigen Minuten jeweils abwechselend aus den Automaten geatmet. Zusätzlich hatte Rick noch eine Dekoflasche für Notfälle ins Wasser gehängt. Diese Dekozeit war nicht gerade angenehm, da meine Füße ziemlich kalt wurden. Am Körper, an den Fingern bin ich gut geschützt. Doch an den Füßen sind nur dünne Gummistiefel mit 3 Paar Socken darunter. Da wird einem schon bei einem 70 Minuten Tauchgang ziemlich frisch.
 
 
Schraube der PLM 27
Dieser Tauchgang hat mich so stark mitgenommen, daß ich beschloß keinen weiteren an diesem Tag mehr durchzuführen. Das Wetter verschlechterte sich, dunkle Wolken zogen auf und Schnee war für den späteren Nachmittag angesagt. Also fuhren wir zurück in den Hafen.

Wie der Wetterbericht vorhergesagt hatte begann es darauf auch leicht zu schneien. Wir nutzten die Zeit um uns ein bisschen in St. John’s umzusehen. Wir stiegen auf den Signal-Hill, besuchten die Hafenbefestigungen und machten einen Abstecher nach Cape Spears, dem östlichen Punkt des nordamerikanischen Kontinents.

Am nächsten Tag war wieder Wracktauchen angesagt. Wir wollten wieder zur Rose Castle zurückkehren um diese einmal genauer zu untersuchen. Wieder wurde aus dem Tauchgang ein langer Dekompressiontauchgang. Diesmal war die Sicht leider nicht so besonders gut wie am Vortag. Insgesamt konnte ich den restlichen Teil des Schiffs erkunden. An das kalten Wasser hatte ich mich ziemlich gewöhnt, jedoch wurde es mir auch wieder frisch nach 60-70 Minuten.
Reichlich Bewuchs auf den Schiffswracks
In den nächsten Tagen haben wir uns dann die restlichen Schiffe vorgenommen, die Saganaga und die Lord Strathcona. Diese sind ebenfalls in guter Verfassung, jedoch ist bei der Rose Castle am meisten zu sehen.

Gegen Ende der Woche hat sich dann das Wetter und auch die Sicht stark gebessert. Auch die gemessenen Wassertemperaturen haben sich in der Woche leicht nach oben bewegt. Konnte man am Anfang nach 0° C an der Wasseroberfläche messen und am Grund der Rose Castle –1° C, so haben wir am Samstag beim letzten Tauchgang 2° Oberflächentemperatur gemessen.
 
 
Zahlreiche Fische haben die Schiffwracks in Besitz genommen
Am Samstag war für mich dann nach dem 1. Tauchgang der Tauchurlaub zu Ende. Das Sonne zeigte sich nun regelmäßiger und das Wasser war wärmer und die Sicht zunehmend besser. Aber für mich hieß es nun leider Abschied nehmen. Am Sonntag morgen startete ich in Richtung Flughafen und bestieg die Maschine der Air Nova, die mich nach Montreal zurückbrachte. Von dort flog ich nach Frankfurt zurück, wo ich am Montagmorgen wieder wohlbehalten eingetroffen bin.

Insgesamt gesehen war es schon ein tolles Abenteuer, ich hatte jedoch ein bisschen Pech mit dem Wetter und der Sicht. Ich bin jedoch fest entschlossen in den nächsten Jahren noch einmal zurückzukehren, wenn das Wetter und die Sicht besser ist. Dies wird wahrscheinlich im Zeitraum von Juni-Oktober sein, wobei der Oktober hier vorzuziehen ist.